Das Krüger Telegramm - Teil 1
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Kaiser Wilhelm II an Präsident
Krüger
Telegramm. Konzept von der Hand des Dirigenten der Kolonialabteilung
Kayser
Berlin, den 3. Januar 1896[abgegangen am 3. Januar, 11 Uhr 20 Min, vm.]
Ich spreche Ihnen Meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an die Hülfe befreundeter Mächte zu appelieren, mit Ihrem Volke gelungen ist,
in eigener Tatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, welche als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wieder herzustellen und die Unabhängigkeit
des Landes gegen Angriffe von außen*) zu wahren.
Wilhelm I.R.
*) In dem Entwurf Kaysers war zunächst statt "die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen" gesagt "das Ansehen Ihrer Regierung"; die neue Fassung beruht auf
einem eigenhändigen Zusatz des Staatssekretärs von
Marschall.
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Der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt von
Holstein an den Botschafter in London Grafen von
Hatzfeldt
Telegramm. Eigenhändiges Konzept
Privat
Berlin, den 4. Januar 1896
Ihr Telegramm Nr. 8 macht durch seinen Lakonismus den Eindruck, daß Sie Unangenehmes verschweigen. Bitte telegraphieren Sie mir privatim noch einiges über den Verlauf
der Unterredung mit Lord
Salisbury.
Seien Sie versichert, daß man hier, trotz kolonialen und anderweitigen Drängens, nicht nach Stimmung und Laune handeln wird. Aber orientiert müssen wir sein.
Holstein
Der Botschafter in London Graf von Hatzfeldt an das Auswärtige Amt
Telegramm. Entzifferung
Privat für Baron von Holstein
London, den 4. Januar 1896
Ich habe durchaus nichts Unangenehmes verschwiegen. Lord Salisbury war entgegenkommend, und dies änderte sich auch nicht, als ich ihm sagte, daß ich schon Auftrag zu
einer Note gehabt, und daß ich mich freute, durch die letzten Ereignisse der Notwendigkeit überhoben zu sein, sie abzusenden. Er erkundigte sich eingehend nach unseren Interessen
in Transvaal, und als ich ihm auf Grund der von Herrn
Goerz erhaltenen Informationen mitteilte,
daß wir über 500 Millionen Mark deutsches Kapital und in Johannesburg zirka 15 000 Deutsche hätten, begriff er vollständig, daß wir uns für die dortige Situation interessieren müßten.
Aus allen seinen Äußerungen ging auch diesmal wieder geringe Sympathie für
Rhodes und seine Bestrebungen hervor, und er
bemerkte mit einer gewissen Genugtuung, daß nach seinen Nachrichten die Stellung desselben anscheinend erschüttert sei. Mit offenbarer Genugtuung sprach er die Hoffnung aus, daß die
ganze Transvaalschwierigkeit nunmehr beendet sei.
Ich bin in meinem gestrigen amtlichen Telegramm auf diese Details nicht näher eingegangen, weil ich vorher über die entgegenkommende Haltung Lord Salisburys wiederholt berichtet
hatte. Hätte sich darin bis gestern irgend etwas geändert und wäre namentlich irgend etwas Unangenehmes vorgefallen, so würde ich es natürlich für meine Pflicht gehalten haben, dies
sofort zu melden. Hierzu kam aber noch, daß ich nach meiner Unterredung mit Lord Salisbury den Wortlaut des Glückwunschtelegramms Seiner Majestät erhielt und bei meiner Kenntnis der
hiesigen Verhältnisse die Wirkung der unausbleiblichen Veröffentlichung desselben auf die hiesige öffentliche Meinung voraussehen mußte, wie sie seitdem bereits eingetreten ist.
-- Sämtliche hiesigen Zeitungen, mit alleiniger Ausnahme der „Daily News“, bezeichnen heute den Glückwunsch als eine Unfreundlichkeit gegen England, und selbst der „Standard“ spricht
sich sehr scharf darüber aus, und dieser Wechsel ist um so auffallender, als die ganze Londoner Presse bisher fast ausnahmslos das Vorgehen des
Dr. Jameson entschieden getadelt
hatte. Ob Lord Salisbury, wenn diese Stimmung hier anhält oder sich noch verschärft, seine bisherige Haltung in der Sache uns gegenüber wird vollständig aufrechthalten können, und ob
er nicht im eigenen Interesse für nötig halten wird, den Buren gegenüber jetzt energischer aufzutreten, um den Anschein des Zurückweichens vor Deutschland hier zu vermeiden, das sind
Fragen, die ich erst mit einiger Bestimmtheit werde beantworten können, nachdem ich ihn (voraussichtlich Mittwoch) wiedergesehen habe. Soviel scheint mir heute schon zweifellos, daß
der jetzige Umschwung in der öffentlichen Meinung, wie er heute in der Presse zutage tritt, ihm die Aufgabe, die vorliegende Frage möglichst entgegenkommend zu behandeln, nicht
unwesentlich erschweren wird.
Hatzfeldt
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Freiherr von Marschall an den Botschafter in London Grafen von Hatzfeldt
Telegramm. Reinkonzept
Berlin, den 6. Januar 1896
Dem englischen
Botschafter,
der heute über den ungünstigen Eindruck sprach, welchen das Telegramm Seiner Majestät an Präsident Krüger auf die öffentliche Meinung in England ausgeübt habe, entgegnete ich, ich
müßte entschieden Verwahrung gegen die Auffassung der englischen Presse einlegen, daß jenes Telegramm eine Feindseligkeit gegen England und einen Eingriff in englische Rechte enthalte.
In Rechtsfragen sei der Deutsche sehr empfindlich; er sei nicht gewillt, fremde Rechte anzutasten, verlange aber, daß auch seine eigenen Rechte geachtet würden. Es könne unmöglich
eine Feindseligkeit gegen England sein, wenn der Deutsche Kaiser das Oberhaupt eines befreundeten Staates zum Sieg über bewaffnete Scharen beglückwünsche, die völkerrechtswidrig in
sein Land eingedrungen und von der englischen Regierung selbst für „outlaws“ erklärt worden seien; auch habe Deutschland ein Recht, von der Unabhängigkeit der Südafrikanischen
Republik zu sprechen, nachdem dieselbe in der von England mit jenem Staat abgeschlossenen Konvention von 1884, abgesehen von der unerheblichen Beschränkung des Artikels 4,
Anerkennung gefunden habe; dagegen befinde sich die englische Presse im Unrecht, wenn sie von einer Suzeränität Englands über die Südafrikanische Republik spreche, nachdem dieselbe
durch jene Konvention formell und materiell beseitigt worden sei.
Marschall
Der Botschafter in London Graf von Hatzfeldt an das Auswärtige Amt
Telegramm. Entzifferung
Privat für Baron von Holstein
London, den 7. Januar 1896
...Lord Salisbury war auch heute entgegenkommend und versicherte mir bestimmt, daß keine weitere Unternehmung gegen Transvaal zu befürchten sei. Seine größte Sorge ist, daß
man Jameson ans Leben geht, weil ihm dies, wie er sagt, seine Aufgabe hier unendlich erschweren würde. Er sprach keinen Wunsch aus, aber ich zweifle nicht, daß er uns sehr dankbar
sein würde, wenn wir Herm Krüger zur Milde raten oder ihm wenigstens Abwarten empfehlen wollten.
Die sehr allgemeine und tiefgehende Erbitterung in der Presse gegen uns scheint heute etwas nachzulassen. Ich habe Lord Salisbury persönlich geraten, den Zeitungen unter der Hand
Enthaltung von weiteren persönlichen Angriffen auf Seine Majestät zu empfehlen und er versprach bereitwillig, dies zu tun.
Im Laufe der Unterhaltung bemerkte er, daß er noch unentchlossen sei, ob er nicht auf die Äußerung des Herrn Staatssekretärs gegen Lascelles, daß England keinerlei Suzeränität über
Transvaal beanspruchen könne, eine die hiesige Auffassung wahrende Antwort geben müsse. Ich riet ihm davon ab, indem ich ihm auseinandersetzte, daß und weshalb der Anspruch auf
wirkliche Suzeränität sich nicht ausreichend begründen lasse. Er meinte schließlich, daß es besser sei, diese Frage ruhen zu lassen und nur von der Erhaltung des Status quo zu
sprechen, über welche wir beide einverstanden seien.
Hatzfeldt
Der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt von Holstein an den Botschafter in London Grafen von Hatzfeldt
Telegramm. Eigenhändiges Konzept
Privat-Antwort
Berlin, den 8. Januar 1896
...Dem hiesigen "Times"-Korrespondenten
Chirol, Freund
des Botschafters, sagte ich heute folgendes:
"Ich wünsche dringend, daß die jetzigen direkten Verhandlungen zwischen Transvaal und England zum Ziel führen. Sonst wird die Sache noch sehr viel weiter gehen. Eine Löung, die uns
bloßstellen würde, können wir Deutschen nicht akzeptieren. Rußland läßt schon jetzt erkennen, daß es die einzige Gelegenheit, Deutschland gegen England ausnutzen zu können, nicht
unbenutzt lassen wird. Frankreich muß dann auch mit, trotz Elsaß-Lothringen, weil sonst Deutschland Frankreichs Stelle bei Rußland einnehmen und die deutsch-russische Gruppe eine
permanente Drohung für Frankreich sein würde, gegen welche auch die englische Flotte keinen Schutz gewährt.
Eben mit Rücksicht auf diese Sachlage glaube ich an befriedigende Lösung.
Der Verdacht deutscher Besitznahme von Lorenzo Marquez ist Unsinn. Dadurch würden wir die Franzosen, welche auf jenen Hafen wegen Madagaskar größten Wert legen, auf englische Seite
bringen.
Die bisherige englische, auch die konservative Politik - versuchter Balkanbrand wegen Armenien, Abweisung wegen Samoa, Verhöhnung des italienischen Antrags wegen Zeila - macht,
solange sie dauern wird, England zu einem nutzlosen politichen Faktor. Ob die Transvaalerfahrung genügen wird, um England zur Erkenntnis der Notwendigkeit einer kontinentalen
Anlehnung zu bringen, ist sehr zweifelhaft. Neue Lehren und eventuell neue Leute werden aber dieser Erkenntnis allmählich den Weg bahnen."
Ich denke mir, daß Transvaal, falls jetzige direkte Verhandlungen mißlingen, Besprechung durch Mächte anregen wird. Daraus wird sich weiteres entwickeln. Wichtig für den Weltfrieden
wird es sein, daß England in seinen maritimen Demonstrationen nicht so weit geht, daß hiesige Marine dadurch Oberwasser für eine, wenn auch nur teilweise, Mobilmachung bekommt.
Russischer
Botschafter
erklärte hier heute, unser Kaiser sei durch sein Telegramm nicht für ein deutsches, sondern für ein europäisches Interesse eingetreten und verdiene dafür den größten Dank. Außerdem
direktes Telegramm des
Zaren an unsern Kaiser.
Holstein
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Freiherr von Marschall an den Botschafter in London Grafen von Hatzfeldt
Telegramm, Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein
Antwort auf heutiges Privattelegramm
Berlin, den 9. Januar 1896
Über die Verhandlungen zwischen England und Transvaal sind wir neuerdings nur durch Ew. unterrichtet. Der Konsul in Transvaal meldet gar nichts mehr, wird auch von uns
nicht um Auskunft gedrängt, weil wir unsre Rolle ausgefüllt zu haben glauben, wenn Transvaal durch unsre bisher nur moralische Unterstützung in den Stand gesetzt wird, ein
anständiges Abkommen - mit status quo als Unterlage - mit England abzuschließen. Mehr als das haben wir nie verlangt, wie Ew. unter anderm aus meinen Unterredungen mit Sir
E. Malet vom 1. Februar und vom
15. Oktober vorigen Jahres entnommen haben werden. In jene direkten Verhandlungen wollen wir uns überhaupt nicht einmischen. Mißlingen diese, und Transvaal wendet sich an die Mächte,
so werden sich letztere dann im Laufe der Besprechungen gruppieren. Die Initiative des Präsidenten Krüger warten wir ab und regen die Sache vorher unsrerseits bei anderen Mächten
nicht an. Sollten die Besprechungen in Gang kommen, so wird sich unser Programm dabei in den zwei Worten "status quo" zusammenfassen lassen.
Daß Rußland in London nichts tut, um zu warnen, ist leicht erklärlich, da es das größte Interesse daran hat, daß aus der Transvaalfrage, bei der heute Deutschland mit Rußland auf
derselben Seite kämpfen würde, sich ein Kriegsfall entwickelt.
Marschall
Der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt von Holstein an den Botschafter in London Grafen von Hatzfeldt
Telegramm. Eigenhändiges Konzept
Privat
Berlin, den 10. Januar 1896
Nur für Sie.
Es erscheint demnächst ein kleines Weißbuch über Transvaal, aus dem ersichtlich werden wird, daß wir von Anfang bis zu Ende nur für Status quo eintreten. Der Status quo scheint jetzt
gewahrt zu sein. Lossagung der Buren vom Vertrag würde ein novum ein, uns also die volle Freiheit des Handelns, bzw. Abwartens oder Zusehens wiedergeben, je nachdem. Wir haben auch,
abgeschen von dem Ihnen bekannten Erlaß an Graf
Münster, wo ausdrücklich gesagt
war, daß er keine Nutzanwendung auf Transvaal machen solle, keinem Botschafter außer Ihnen irgend etwas über Transvaal gegeben, damit jeder Verdacht vermieden werde, als suchten wir
deswegen Fühlung und Anlehnung außerhalb. Unzweifelhaft würden wir im äußersten Augenblick, wenn die Totalität des englischen Besitzes nur noch als Kompensationsobjekt in Betracht
kommt, den Russen für sich und Frankreich einen genügenden Arbeitslohn bieten können. Aber wir beiden sind wohl darin einig, daß die Zertrümmerung von Englands Machtstellung für
Deutschland ein zweifelhafter Erfolg sein würde.
Freuen wir uns also, wenn die Sache jetzt so abschließt, wie es den Anschein hat: mit einem kleinen diplomatischen Erfolg für Deutschland und einer kleinen politischen Lektion für
England.
Holstein
Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler Fürsten von
Hohenlohe
Ausfertigung
Paris, den 16. Januar 1896
Die augenblicklich so feindliche Stimmung Englands gegen uns und die unerhörten Zornausbrüche der englischen Presse haben hier Schadenfreude erregt und Hoffnungen wachgerufen.
Anfänglich nahm die hiesige Presse eine beobachtende Stellung ein und wartete auf ein Entgegenkommen der englischen Presse.
Der heutige Leitartikel des „Temps“, den ich anliegend gehorsamst einsende, und der als offiziös zu betrachten ist, zeigt nicht allein die Annäherungsversuche eines Teiles der
englischen Presse, sondern auch, wie gern man hier darauf eingehen würde, und zwischen den Zeilen kann man lesen, daß die hiesige Regierung in dem Sinne zu verhandeln sucht. Das
geschieht nicht hier. Lord
Dufferin hat keine Fühlung mit
den jetzigen Ministern, sieht wie wir alle Herrn
Berthelot fast nie, nennt ihn niemals
anders als "the old chemist" und hat eine sehr geringe Meinung von ihm als Auswärtigem Minister. Die Annäherungsversuche werden durch den Botschafter
Courcel in London
geführt. Daß das geschieht, habe ich aus Äußerungen englischer Freunde entnommen. Diese sagten, daß Herr Berthelot in offiziösen Kreisen in London für den klügsten und
ausgezeichnetsten Minister der französichen Republik gehalten werde. Diese "Ausgezeichnetheit" kann für die Engländer nur darin liegen, daß er und der Botschafter ihnen zu
schmeicheln und sie zu gewinnen versuchen.
An und für sich gebe ich auf diese Annäherungsversuche nicht viel, sehr zu beachten sind sie aber doch. Wenn es erst auf die konkreten Fragen ankommt, werden diese Herren schon
finden, daß die Engländer nicht so nachgiebig sein werden, als sie jetzt hoffen.
In Siam und am Mekong ist eine Verständigung sehr möglich, im Orient und namentlich in Ägypten nicht. Je weniger Wert die englischen Politiker der neuen Schule auf Konstantinopel
und die Meerengenfrage legen, desto wichtiger werden Ägypten, der Suezkanal, Arabien und die überwiegende Stellung im Roten Meer. Dort werden die Franzosen ein noli me tangere
finden, und gerade dort sprechen die französischen Interessen, namentlich aber die französische Eitelkeit viel mit.
Je mehr das Türkische Reich zusammenfällt, je mehr der russische Einfluß dort wächst und sich ausbreitet, desto wichtiger wird das Mittelländiche Meer und namentlich Ägypten für
England. Beim Zusammenbruch der Türkei ist namentlich für die Engländer in Indien der Mohammedanismus das wichtigste. Die Idee, den religiösen Schwerpunkt aus Konstantinopel nach
Arabien zu verlegen und einen Kalifen durch die Scherifs in Mekka wählen und ihn dort oder in einer anderen Stadt Arabiens vom europäischen Einfluß entfernt zu halten, ist ein
Gedanke, der in England und unter den Muselmännern selbst immer mehr Boden gewinnen soll.
Um solche Pläne zu verwirklichen und den Weg nach Indien durch das Mittelmeer zu beherrschen, gehört vor allem eine überwiegende Seemacht im Mittelländischen Meer. Die Rüstungen
zur See sind eventuell gegen Amerika gerichtet, obgleich die Gefahr dort nicht mehr so groß ist, als sie noch vor kurzem schien. Wir sind hoffentlich nur Vorwand. Beruhigen sich
die Gemüter, sehen Russen und Franzosen den wahren Zweck dieser Rüstungen, so werden die Allianzgedanken und Hoffnungen, welche die beiderseitigen Politiker jetzt haben mögen, schon
wieder verschwinden. Unterschätzen dürfen wir aber trotzdem die Gefahren, welche in der ganz verwickelten Situation liegen, nicht und müssen die Augen offen halten.
Münster
Der Botschafter in London Graf von Hatzfeldt an den Vortragenden Rat im Auswärtigen Amt von Holstein
Privatbrief. Abschrift
London, den 21. Januar 1896
Neues, was ich melden könnte, gibt es nicht, und, wenn nicht neue Zwischenfälle kommen, ist vielleicht zu hoffen, daß die Aufregung sich auf beiden Seiten allmählich beruhigen wird.
Inzwischen haben wir es hier mit einer vollständig veränderten Situation zu tun, wie Ihnen aus den Manifestationen der englischen Presse längst klar geworden sein wird. Es handelt
sich dabei nicht um eine Verstimmung der englischen Regierung, sondern um eine tiefgehende Erbitterung im Publikum, die sich auf jede Weise manifestiert hat. Es wird mir versichert,
daß, als die Aufregung am größten war, die Deutschen in der City fast keine Geschäfte mehr mit Engländern machen konnten. In bekannten großen Klubs, so namentlich im Turf, herrschte
eine maßlose Erbitterung. Ich selbst habe zahlreiche anonyme Schmäh- und Drohbriefe erhalten.
Die allgemeine Stimmung war, daran kann ich nicht zweifeln, eine solche, daß die Regierung, wenn sie ebenfalls den Kopf verloren oder aus irgendeinem Grund den Krieg gewünscht hätte,
dabei die ganze öffentliche Meinung hinter sich gehabt hätte. Die Erwägung, daß wir England auf anderen Gebieten wesentliche Nachteile zufügen können, blieb vollsfändig wirkungslos
auf die ignorante Masse der Bevölkerung. Ganz ebenso geringen Eindruck machte die angebliche Isolierung Englands. Man rühmte sich dessen geradezu in dem stolzen Gefühl, daß England
stark genug sei, allen seinen Feinden Trotz zu bieten.
Ich führe dies alles nur an, weil wir es, wie die Verhältnisse hier einmal sind, in Rechnung ziehen müssen mit Rücksicht auf die Rückwirkung, die es auf die englische Regierung
ausüben kann. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß keine Regierung hier - auch nicht eine parlamentarisch so starke wie die jetzige - imstande ist oder zu sein glaubt, sich der
öffentlichen Meinung zu widersetzen, wenn Sie sich mit einer gewissen Intensität geltend macht. Namentlich müssen wir damit rechnen, daß keine englische Regierung sich durch die
ernstesten Rücksichten äußerer Politik davon abhalten lassen wird, vor allem das eigene Interesse der Selbsterhaltung zu Rate zu ziehen. Ich sagte nämlich einmal Salisbury, es
schiene mir Aufgabe der Regierung zu sein, die öffentliche Meinung zu leiten. Er erwiderte mir, daß dies hier schwieriger sei, als ich zu glauben scheine.
Sicher ist, daß keinerlei Versuch gemacht worden ist, die öffentliche Meinung aufzuklären. Sie bleibt daher bei der Annahme, daß die englische Suzeränität über Transvaal
unbestreitbar sei, daß wir aus purer Bosheit gegen England uns eingemischt hätten, und daß dies doppelt unverzeihlich sei nach aller Freundschaft, die uns England stets bewiesen habe.
Dieser Stimmung gegenüber hat Salisbury, das muß man anerkennen, nicht den Kopf verloren, sondern wohl in der Annahme, daß die Zeit Beruhigung bringen werde, seine konziliante
Haltung mir gegenüber bewahrt. Aber wir dürfen deshalb doch meines Erachtens keinen Augenblick bezweifeln, daß er auch die entgegengesetzten Chancen ins Auge gefaßt hat und sich auf
den Fall vorzubereiten sucht, daß es entweder zum Bruch mit uns kommt, oder - was er wohl für wahrscheinlicher, wenn nicht für sicher hält - daß Deutschland nunmehr eine entschieden
antienglische Politik einschlägt, sich mehr und mehr Rußland, vielleicht auch Frankreich nähert, und daß der Dreibund in absehbarer Zeit auseinanderfallen wird. Die maritimen
Rüstungen, die uns in früherer Zeit nur erwünscht gewesen wären, sind nur ein Symptom, daß man hier schwierige Zeiten, vielleicht schon im Frühjahr, erwartet und für alle Fälle
vorbereitet sein will. Ernster ist das offenbare Bestreben einer Annäherung an Frankreich. Als ich neulich bei Salisbury scherzend die neue Liebe zu Frankreich erwähnte, die ihm
ziemlich ungewohnt sein müsse, ging er auf den Scherz ein, meinte aber, man tue nur, was wir auch täten, und leugnete gar nicht, daß bessere Beziehungen mit Frankreich nicht
unerwünscht wären.
Als wir im Lauf der Unterhaltung auch auf die in der französischen Presse wieder auftauchenden Forderungen bezüglich Ägyptens kamen, meinte Salisbury, England könne schließlich
auch ohne Ägypten fertig werden, und er, Salisbury, sei eigentlich immer gegen die Okkupation des Landes gewesen! Ich ging nicht näher auf die Frage ein, um kein besonderes Interesse
zu zeigen, hob daher auch nicht den Widerspruch mit allen seinen früheren Äußerungen hervor.
Hier möchte ich eine sehr vertrauliche Äußerung von Courcel einfügen. Als wir vom Togo-Hinterland usw. sprachen, ging er weiter und deutete an, daß Frankreich und Deutschland in der
Zukunft vielleicht in manchen Dingen zusammengehen könnten. Er fügte dann hinzu: pour le moment nous soommes grands amis avec la Russie. Mais cela ne durera peut-etre pas
eternellement.
Wenn Courcel mit dieser Auffassung, auf die ich natürlich nicht weiter einging, in Frankreich nicht allein steht, und dazu käme, daß man hier in bezug auf Ägypten weich würde und
dies in Paris erkennen ließe, so wird man sich dort vielleicht überlegen, ob man die dargebotene Hand zurückweisen soll. Es steht uns auch niemand dafür, daß Rußland einer solchen
Kombination entschieden widersprechen würde, wenn es sieht, daß es nur um diesen Preis Frankreich in der Hand behalten kann. Widerspricht es aber dennoch, und die franko-russische
Allianz geht aus dem Leim, so können wir eine entente cordiale der Westmächte, neue Auflage, erleben. Die hiesige öffentliche Meinung, wie sie sich seit Transvaal gestaltet hat,
würde eine solche Lösung, wie sich beinahe mit Sicherheit erwarten läßt, jetzt sympathisch begrüßen.
Als zwischen Salisbury und mir von der deutschfeindlichen Haltung der englischen Presse und dem Wunsch eines Teils derselben nach Annäherung an Frankreich die Rede war, warf ich die
Bemerkung hin, es sei doch sehr wunderbar, daß die Zeitungen sich gar nicht klarmachten, mit welchen Opfern jene Annäherung erkauft werden müßte, und mit wie wenig (Togo usw.) man
uns hätte befriedigen können. Er erwiderte lebhaft, er hätte die Voltarektifikation, d.h. Abtretung eines Gebietes, welches England vor 50 Jahren mit barem Geld von Dänemark
erworben, nie rechtfertigen können, leugnete aber nicht, daß die fragliche Annäherung an Frankreich oder Rußland sehr viel teurer sein würde. Diese Erwägung spielt bei ihm
unzweifelhaft eine große Rolle. Sie wird ihn aber nicht verhindern, den Versuch zu machen und sich für alle Fälle zu versichern, ob und um welchen Preis unter Umständen, d.h. wenn
der Dreibund auseinandergeht, und wir eine antienglische Politik immer mehr akzentuieren, die Verständigung möglich wäre.
Es ist, wie ich glaube, meine Pflicht, diese Eventualitäten zu signalisieren, obwohl ich annehmen darf, daß sie bereits klar erkannt worden sind, und daß wir über die dagegen zu
befolgende Politik uns schlüssig gemacht haben. Mir scheint, wenn die Dinge so kommen, daß wir in die Lage kommen werden, den Gedanken des Drei-Kaiser-Bundes wieder aufzunehmen.
Wenn Rußland darauf eingeht, selbst wenn es dafür Frankreich aufgeben muß, so ist, wie mir scheint, zu befürchten, daß Österreich nur mit dem höchsten Widerstreben auf einen Gedanken
eingehen wird, dessen Voraussetzung jetzt jedenfalls sein müßte, daß Österreich den Russen im Orient freie Hand läßt.
Wenn ich ein Votum abzugeben hätte, so würde ich es dahin formulieren, daß es weder in unserm Interesse liegt, die englische Macht zertrümmern zu lassen, noch auch England in die
Arme Frankreichs zu treiben. An dieser Auffasssung müssen wir meines bescheidenen Erachtens unter allen Umständen jedenfalls solange festhalten, als Rußland und Frankreich
zusammenhalten, was nach menschlicher Berechnung noch lange dauern wird. Unsere Aufgabe würde es danach ein, nachdem wir in bezug auf Transvaal die Zähne gezeigt, nunmehr auch
unsererseits die Beruhigung zu fördern, soweit wir es ohne prinzipielle Aufgabe unseres Standpunktes können, und in den großen politischen Fragen dieselbe Haltung zu bewahren, die
wir vor diesem Zwischenfall eingenommen haben, d. h. uns nach keiner Richtung für die Zukunft die Hände zu binden, solange nicht Eventualitäten oder Kombinationen eintreten, die uns
nötigen, Stellung zu nehmen, und uns gleichzeitig gestatten, unsere Sicherheit und unsern Vorteil dabei zu wahren.
(gez.) Hatzfeldt
Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Freiherrn von Marschall
Konzept
Berlin, den 22. Februar 1896
Der österreichische
Botschafter,
dem gestern morgen unsere Stellung England gegenüber und das wachsende Mißtrauen, welches die Haltung der englischen Regierung und Presse uns aufdrängt, rückhaltlos mitgeteilt
worden war, hatte gestern nachmittag, wie man das auch kaum anders vermuten konnte, eine angeblich durch Zufall herbeigeführte Unterredung mit dem englischen Botschafter gehabt.
Die wichtigste Äußerung des Sir Frank Lascelles war die Frage gewesen, ob Herr von Szögyeny glaube, daß bei dem Berliner Kabinett überhaupt noch der Gedanke bestehe, Deutschland und
England könnten einstmals in der Zukunft an einem Strang ziehen.
Herr von Szögyeny hatte darauf mit den hauptsächlichen Argumenten erwidert, die ihm einige Stunden vorher im Auswärtigen Amt geliefert worden waren; insbesondere daß Deutschland
trotz mannigfacher kleinerer Mißhelligkeiten bis in die neueste Zeit hinein an der Ansicht festgehalten habe, daß England doch bei einem großen Zukunftskampf durch seine eigenen
Interessen auf die antifranzösische, d.h. die deutsche Seite gedrängt werden würde. In den letzten sechs Wochen sei aber diese Auffassung, welche bisher Grundprinzip der deutschen
Politik gewesen, infolge der Haltung Englands wankend geworden. England habe die
Botschaft des Präsidenten
Cleveland verziehen, habe dieselbe mit
Liebenswürdigkeiten und tatsächlichen Konzessionen erwidert. Von ähnlicher nachgiebiger Stimmung gegen Frankreich lege der englisch-französische Siamvertrag Zeugnis ab. Die ganze
Bitterkeit englischen Empfindens richte sich gegen Deutschland. Das Telegramm des deutschen Kaisers, obschon im Punkte der Schroffheit mit der Botschaft
Clevelands gar nicht zu vergleichen, werde aufgebauscht zu
einer Beleidigung, für die kaum eine Sühne genügend sei. Deutschland fange an zu glauben, daß die ganze Transvaalsache nichts als ein Vorwand sei, um wegen anderer, hauptsächlich
wirtschaftlicher Rankünen mit Deutschland abzurechnen. Die deutsche Regierung weise überhaupt die Möglichkeit zurück, daß ernste englische Politiker ihr den Plan unterschieben
könnten, sich an der Delagoabai festsetzen zu wollen, zwischen Madagaskar und das britische Gebiet. In dieser Stimmung verfolge Deutschland mit größter Aufmerksamkeit die
Entwicklung der anscheinend jetzt wieder auflebenden ägyptischen Frage. Falls England selbst auf diesem Gebiet Opfer für den Zweck einer Annäherung an Frankreich nicht scheuen
sollte, würde man dies in Berlin als einen deutlichen Beweis dafür ansehen, daß England sich freie Hand gegen Deutschland um jeden Preis schaffen wolle. Deutscherseits werde man
dann auch nicht zögern, aus dieser Prämisse die Konsequenzen zu ziehen.
Der englische Botschafter hatte versichert, daß er von ägyptischen Verhandlungen nichts wisse, sich auch nicht denken könnte, daß man in London jetzt darauf eingehen sollte.
Marschall
Der Botschafter in London Graf von Hatzfeldt an den Reichskanzler Fürsten von Hohenlohe
Ausfertigung
London, den 15. März 1896
So intim seit einer Reihe von Jahren meine persönlichen Beziehungen zum Premierminister sind, und obwohl ich mir deshalb manche Äußerung gestatten darf, die er als eine
freundschaftfliche und rein persönliche aufnimmt, so würde ich es doch, wie die Dinge liegen, nicht für richtig halten, durch unbedachte Äußerungen den Anschein zu erwecken, als ob
wir uns nach beruhigenden Zusicherungen über die künftige Politik Lord Salisburys sehnten. Bei dieser Gelegenheit glaube ich auch hervorheben zu dürfen, daß die Verstimmung, die
infolge der Verwicklungen in Südafrika hier gegen uns eingetreten war, noch nicht ganz überwunden ist und ich auch bei Lord Salisbury, so objektiv er sonst die Sache auffaßt,
insofern zeigte, als er sich nicht immer mit der Offenheit gegen mich aussprach, an die ich seit Jahren gewöhnt war. Bei andern englischen Staatsmännern trat dies noch deutlicher
hervor, und ich könnte in dieser Hinsicht anführen, daß selbst der mir persönlich befreundete Marineminister
Goschen, welchem ich den Wunsch einer
Zusammenkunft nahelegen ließ, sich derselben bis jetzt entzogen hat. Mit
Mr. Chamberlain, welcher jetzt eine
hervorragende Rolle spielt, würde ich es, obwohl ich ihn gut kenne, nicht einmal für wünschenswert halten, eine Aussprache herbeizuführen, da er in seinen Auffassungen ziemlich
schroff ist, keine übermäßigen Sympathien für Deutschland und die deutsche Politik besitzt, und eine Unterhaltung zwischen uns nur dazu führen würde, bestehende Differenzen noch
schärfer hervortreten zu lassen.
Euere Durchlaucht werden, wie ich hoffen darf, unter diesen Umständen mit mir einverstanden sein, wenn ich in der letzten Zeit den englischen Staatsmännern gegenüber eine gewisse
Reserve beobachtet habe, die mir durch die angeführten Gründe geradezu geboten schien. Durch meine Kollegen, namentlich die österreichischen und italienischen Botschafter, die nicht
dieselben Gründe zur Zurückhaltung hatten, bin ich während dieser Zeit von ihren Beobachtungen fortlaufend unterrichtet worden.
Dem Premierminister gegenüber hatte ich, wie ich nicht unerwähnt lassen darf, noch einen besonderen Grund, in meiner Sprache eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten. Es ist eine
Charaktereigentümlichkeit desselben, daß er jedes Drängen scheut und sich immer mehr zurückzieht, je mehr er glaubt, daß man ihn zu etwas überreden will, was ihm nicht paßt. Ich habe
es mir daher im Interesse der Sache zum Gesetz gemacht, diesen Eindruck bei ihm zu vermeiden, und habe mehr als einmal die Genugtuung gehabt, daß er mir von selbst Entgegenkommen
zeigte und auf die Besprechung von Fragen einging, die er, wenn ich hätte drängen wollen, unzweifelhaft vermieden haben würde.
Schließlich wollen Euere Durchlaucht mir gestatten, noch eine Äußerung des Premierministers in unserer letzten Unterredung anzuführen, die mir nicht ohne Interesse zu sein scheint.
Er bemerkte, er habe mit Befriedigung gehört, daß man bei uns die Wiederherstellung der früheren freundschafflichen und vertraulichen Beziehungen mit England für wünschenswert halte
und teile diesen Wunsch in jeder Hinsicht. In diesem Sinn habe er kürzlich an Sir Frank Lascelles geschrieben und hinzugefügt, daß er es nicht glaube, verschuldet zu haben, wenn
darin eine vorübergehende Änderung eingetreten sei. Ich hielt dem Minister hier entgegen, daß er, wie ich ihm auch früher schon wiederholt gesagt, durch manche Dinge, wie z. B. seine
Politik in der armenischen Frage, zu einer gewissen Unsicherheit über seine politischen Ziele Anlaß gegeben habe. Lord Salisbury erwiderte mir, er wisse wohl, daß bei uns ein
gewisses Mißtrauen gegen ihn eingetreten sei und daß man ihm Hintergedanken zugeschrieben habe, die ihm vollständig ferngelegen hätten. Es sei eine Erfahrung, die er schon häufig
gemacht habe, daß das Ausland, welchem die innere Politik in England und die Beziehungen der hiesigen politischen Parteien zueinander ziemlich fremd seien, sich über die Haltung,
welche das englische Kabinett in einzelnen auswärtigen Fragen annehme, und über die Beweggründe derselben vollständig täuschten. Wenn ich ihn fragen wollte, warum er dieses oder
jenes, z.B. in der von mir angeführten armenischen Frage, getan habe, so könne er mir mit drei Worten eine erschöpfende und wahrheitsgetreue Auskunft geben: "parceque je wai pas
envie de perdre ma majorite". Wenn man dabei nach anderen fernliegenden Hintergedanken suche, die sich mit der hiesigen, nach Lage der inneren Verhältnisse nur auf die nächste Zukunft
berechneten auswärtigen Politik nicht einmal in Einklang bringen ließen, erkläre sich dies nur durch die Unkenntnis der Bedingungen, unter welchen ein englisches Kabinett hier
überhaupt noch regieren könne.
P. Hatzfeldt